Neues aus dem IfM

Wiener Medieninitiative: Förderung von Qualität und Innovation statt Gießkannenprinzip

Mit insgesamt 7,5 Millionen Euro fördert die Stadt Wien innovative und qualitätsvolle journalistische Projekte. Journalist/innen und Medienunternehmer/innen können Projekte im Rahmen der  Wiener  Medieninitiative, die im Zuge der Debatte über die deutsche Presseförderung auch in Deutschland zusehends Beachtung findet, über zwei Förderschienen einreichen.

In der Förderlinie „Medienstart“ wird die Machbarkeitsüberprüfung und Vorbereitung von Konzepten und Ideen ermöglicht. Über die Förderung „Medienprojekt“ werden bestehende Medienunternehmen und Start-Ups bei der Verwirklichung neuer Journalismusangebote mit bis zu 100.000 Euro unterstützt.  Über die Vergabe entscheidet eine unabhängige Fachjury, der auch IfM-Direktor Leonard Novy angehört.

Medienpolitisches Colloquium:

“Wie weiter nach Sachsen-Anhalt?” Über diese Frage diskutierten NDR-Intendant Joachim Knuth und Carsten Brosda,  Senator der Behörde für Kultur und Medien, Freie und Hansestadt Hamburg, im Rahmen eines medienpolitischen Colloquiums des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) am Montagvormittag. Im Mittelpunkt standen die praktischen und strategischen Implikationen der Blockade der Beitragserhöhung im sachsen-anhaltinischen Landtag, aber auch Auftrag und Reform der Öffentlich-Rechtlichen in einer sich wandelnden Umgebung insgesamt. In der von der Journalistin Brigitte Baetz moderierten Veranstaltung erklärte Joachim Knuth, er bleibe bei seiner Einschätzung, dass es sich beim Veto gegen die Erhöhung des Rundfunkbeitrags im Landtag von Sachsen-Anhalt um einen „kalkulierten Verstoß gegen die Rundfunkfreiheit“ handle. 

Erforderlich sei aber eine stärkere Fokussierung des eigenen Angebots, wobei „Priorisieren“ auch bedeute, „dass man Dinge bleiben lässt“. „Wir stärken Dinge, wir lassen Dinge bleiben – wir bekommen dafür auch Kritik, das muss man aushalten und das finde ich in einem Rundfunk, der allen gehört und der allen etwas bieten muss, ein vollkommen normales Verfahren“. Für den NDR gelte es, den „unabhängigen und umfassenden Journalismus“ als zentrales „Unterscheidungsmerkmal“ auszubauen und in Zukunft „eine noch verlässlichere Antwort” darauf geben, “worin sich unsere Unterhaltungsangebote von anderen Anbietern unterscheiden“. Dabei verstehe er die traditionelle Fernsehquote als lediglich ein Kriterium unter mehreren. Zentral – gerade im Sinne der Integrationsfunktion – sei die „Reichweite“ des öffentlich-rechtlichen Angebots insgesamt, egal ob dieses linear oder nonlinear verbreitet werde. Er wünsche sich, dass gerade jüngere Menschen in Zukunft nicht nur sagten, “ich mache mir einen guten Fernsehabend mit Netflix”, sondern “ich mache mir einen guten Abend mit der ARD- Mediathek“. 

Carsten Brosda forderte eine Reform der bestehenden staatsvertraglichen Beauftragung: Weg von der Beauftragung konkreter Angebote (“Bestellliste”) durch die Länder, hin zur Beauftragung von Programmbudgets für die Produktion von Inhalten öffentlich-rechtlicher Qualität. “Steuerungs- und Verantwortungsdimension” stimmten aktuell nicht mehr überein, es gelte den für das Programm verantwortlichen mehr Freiheiten und Verantwortung zu geben. Ein solches Modell sei auch anschlussfähig in Richtung einer Indexierung des Rundfunkbeitrages.

Gegenüber „Super-Mediatheken“ auf nationaler wie europäischer Ebene zeigte sich Brosda skeptisch. Er halte es für schwierig, entsprechende Marken neu zu etablieren. Auch sei es nicht realistisch, unterschiedliche Zielgruppen mit einem einheitlichen Angebot zu erreichen. Sinnvoller sei es, „Formatkompatibilität“ zwischen verschiedenen, unterschiedliche Zielgruppen adressierenden Angeboten herzustellen und den Austausch von Inhalten unter ihnen zu fördern.  

Das IfM hat in den letzten Jahren immer wieder auf die Notwendigkeit einer Reform des Rundfunkbeitrags in Richtung einer neu gefassten Medien- und Kulturabgabe zur gezielten Unterstützung gesellschaftlich relevanter kreativer Leistungen in einem veränderten technologischen Umfeld hingewiesen

Strategien für eine „gemeinwohlorientierte Medienordnung“ stehen auch im Mittelpunkt von futur eins, einer neuen, in Berlin verorteten Initiative am IfM, auf die IfM-Direktor Leonard Novy hinwies. Weitere Informationen finden Sie unter www.futureins.org

Die gesamte Diskussion im Video:

Lernen aus Lesbos, oder: Aus den Medien, aus dem Sinn? Humanitäre Hilfe in der Aufmerksamkeitsökonomie

Corona dominierte 2020 die Schlagzeilen. Flucht, Migration und die ihnen zugrundeliegenden Ursachen sind damit nicht verschwunden. Im Gegenteil: Dass Konflikt- und Krisenregionen in der Pandemie die größten Verlierer sind, Not und Armut dort in exponentiellem Ausmaß wachsen, ist schon fast ein Gemeinplatz. Doch je globaler die Pandemie, desto mehr scheinen sich öffentliche Debatten ins Nationale zurückzuziehen – ganz als ob es im kollektiven Themenspeicher unserer Gesellschaften lediglich Platz für eine begrenzte Anzahl von Krisen und dazugehörigen Bildnarrativen gäbe. Derweil ringt die EU nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria um eine Neuausrichtung ihrer Migrationspolitik, und Hilfsorganisationen buhlen um die Aufmerksamkeit und Spenden der Öffentlichkeit – vor Weihnachten wird so viel gespendet wie sonst nie im Jahr. 

Jede Krise braucht jemanden, der sie ausruft. Was macht Krisen berichtenswert? Wie kommunizieren internationale Hilfsorganisationen? Und welche Rolle spielen Medienlogik und öffentliche Erwartungen in ihrem Handeln? 

Zum Ende eines Jahres im Zeichen der Pandemie beschäftige sich das IfM am 16.12.2020 im Rahmen seiner Reihe „Medienpolitisches Colloquium“ mit der medialen Konstruktion humanitärer Krisen sowie der (Repräsentations-)Praxis von Hilfsorganisationen im Spannungsfeld zwischen Behördenhandeln und Populismus, Unterstützenden und Hilfsbedürftigen.

Medienpolitisches Colloquium des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik am 16.12.2020 mit 

Dr. Lars Castellucci, MdB, Sprecher für Migration und Integration der SPD-Bundestagsfraktion

Peter Ruhenstroth-Bauer, Geschäftsführer, UNO-Flüchtlingshilfe

Susanna Krüger, Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende, Save the Children Deutschland 

Prof. Dr. Christine Horz, Fakultät für Informations- und Kommunikationswissenschaft, Technische Hochschule Köln

Martin Gerner, ARD-/DLF-Korrespondent und Dozent für Medien- und Pressefreiheit in Kriegs- und Konfliktzonen (Autor des aktuellen DLF-Features „Lesbos außer Kontrolle”) 

Moderation: Leonard Novy, Direktor, IfM

Cologne Futures 2020

27. November 2020

14:00 – 19:00 Uhr

(Online. In Englischer Sprache)

Mit dem Aufstieg von Künstlicher Intelligenz (KI) steht ein den Journalismus seit jeher prägendes Grundprinzip zur Disposition: Der Faktor Mensch. Weltweit setzten Verlage auf von Algorithmen automatisch erstellte Texte. In der Börsen- und Sportberichterstattung, aber auch im finanziell krisengebeutelten Lokaljournalismus spielen computergenerierte Stories schon heute eine große Rolle – und sind für den Nutzer nur schwer als solche erkennbar. Dabei stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die nicht nur den Journalismus, sondern auch den öffentlichen Diskurs maßgeblich verändern könnte.

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„Resilienz ist eine Zukunftsfrage“

Interview mit Leonard Novy

Fake News, Desinformation, Desorientierung: Ist es um die Zukunft der Medien wirklich so schlecht bestellt? Unter der Überschrift „Resilienz ist eine Zukunftsfrage“ veröffentlichte die Zeitschrift „Internationale Politik“ (IP) ein Interview mit IfM-Direktor Leonard Novy zum Umgang mit Fake News und der Zukunft der europäischen Öffentlichkeit.

Die „Konjunktur von Fake News und die Krise des Journalismus auf beiden Seiten des Atlantiks“ würden sich wechselseitig bedingen, so Novy. So hätten viele Medienhäuser mit einem primär auf Klicks im Netz ausgerichteten Journalismus und Einsparungen selbst die Entwertung von Fakten vorangetrieben, statt frühzeitig Antworten auf die Frage zu suchen, wie ein „professionellen wie ethischen Standards verpflichteter Journalismus seinen Funktionen für die Demokratie auch unter digitalen Vorzeichen gerecht werden“ könne. Mit „Business as usual“ ließe sich digital kaum Geld verdienen. „Finanzierungsmodelle und Geschäftsmodelle dürften vielfältiger werden. Stiftungen werden eine größere Rolle spielen, aber auch staatliche Instrumente wie die Mehrwertsteuer oder die Anerkennung des Journalismus als gemeinnützig, was wiederum Raum schaffen würde für mehr Förderung aus der Zivilgesellschaft. Und irgendwann wird man sich auch nochmal grundsätzlich mit der Neudefinition des Auftrags der öffentlich-rechtlichen Medien beschäftigen müssen – und zwar losgelöst von der bestehenden Rundfunkordnung und idealerweise europäisch.“

Die Sonderausgabe der von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik herausgegebenen Zeitschrift beschäftigt sich unter dem Titel „Digitales Europa 2030“ mit einem von der Alfred Herrhausen Gesellschaft im Frühjahr 2020 durchgeführten Szenarienworkshop gleichen Namens (Projektseite). Das Gespräch mit Leonard Novy sowie alle anderen Beiträge des Sonderhefts – unter anderem von Thorsten Thiel, Daniel Voelsen, Elisabeth von Hammerstein, Claudia Huber, Julian Jaursch und Georg Diez –  sind Open Access auf der Seite der IP hinterlegt.