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Talk als Programmreligion

Für die neue Ausgabe der „Zeit“ (38/2011) hat IfM-Direktor Lutz Hachmeister die Talkshow-Struktur der ARD beobachtet. Hier der Text, der in der „Zeit“ leicht gekürzt erschien.

Talk als Programmreligion
Von Lutz Hachmeister

In dem Augenblick, wo eine Sache anfange, „ein Beruf zu werden“ – so hat Egon Friedell einmal geschrieben, und somit aufhöre „etwas Allgemein Menschliches zu sein, verliert sie ihre beste Kraft und ihren geheimnisvollen Reiz“. Das trifft voll und ganz auf die Entwicklung der Fernseh-Talkshows in Deutschland zu. Sie haben sich professionalisiert und multipliziert, mit einer zentralen Gästedatenbank bei der ARD und demnächst wahrscheinlich mit Talk-Unterausschüssen in den Rundfunkräten. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat dazu kürzlich bemerkt, dass in den frühen Talkshows der 1970er und 1980er Jahre noch Gesamtpersönlichkeiten als Gäste gefragt gewesen seien, heute nur noch „one-trick-ponys“ – also Figuranten, von denen dramaturgisch eine ganz bestimmte Haltung erwartet wird. Die Talkshows in den Hauptprogrammen sind heute scripted reality, populistische Faselanten wie Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi genauso funktionale Elemente wie einst Slatko und Jürgen bei Big Brother. Talk ist für die Planer des Ersten jetzt Programmreligion, bestimmende Liturgie des durch das Internet bedrohten Leitmediums. 

Auf dem offiziellen Werbefoto der ARD („Wir sind eins“) für ihre Fünf-Talkshow-Woche posieren Jauch, Beckmann, Maischberger, Plasberg und Will wie die B-Version einer US-Anwaltsserie. Wohlsituierte Professionals, keine Abenteurer. Jeder Eingeweihte weiß, dass sie sich im wirklichen Leben untereinander nicht besonders mögen. Die Verpflichtung von Günther Jauch hat die Konkurrenzverhältnisse noch einmal verschärft – es ist nicht klar, wer sich wie lange auf welchem Sendeplatz halten kann. Günther Jauch, der alte Fuchs, hat es geschickt gemacht: erst hat er die ARD-Gremienvertreter als „Gremlins“ verspottet, sich dann doch teuer von den Intendanten einkaufen lassen, und schließlich übermittelt: Seht her, ich mache überhaupt nichts Neues. Ich moderiere einfach so was wie „stern-tv“ unter größerer Schöneberger Kuppel, ich wähle ein möglichst unoriginelles Thema wie „9/11“ zum Sendestart am 11. September und lade ganz wie die anderen Teilnehmer am ARD-Talkathon nur Gäste ein, von denen man weiß, was sie sagen werden. Mathias Döpfner verteidigt die Freiheit des Westens, Jürgen Todenhöfer ist gegen den Krieg in Afghanisten, Peter Struck begründet, warum eine deutsche Beteiligung daran doch notwendig war. Zu Beginn die Betroffene vom Dienst, Marcy Borders, die „dust lady“. Ja, 9/11 war schrecklich, es hat lange gedauert, das zu verarbeiten. Auf Wiedersehen. Günther Jauch kann es sich leisten, so nonchalant überraschungsfrei und gedankenarm aufzutreten, weil er der ARD nur sagen muss:   Ich bin Günther, Euer neuer Wizard of Talk. Mit mir wird Euer Programmschema siegen oder untergehen. Da kann es schon passieren, dass Jürgen Klinsmann als der Intellektuelle in der Runde erscheint, weil er darauf hinweist, dass die US-Bürger zu viele obskure Nachrichten von Fox-News sehen.

Verblüffenderweise war der Lichtblick im modernen Talk-Fünfkampf  der vergangenen Woche Reinhold Beckmann. Obwohl sein bemüht investigativer Stil schon zu einer brillanten Karikatur in der Satiresendung „Switch reloaded“ geführt hat, ließ er diesmal unaufgeregt den Vater eines Islamisten aus der „Sauerland-Gruppe“ zu Wort kommen. Wie sich deutsche Jugendliche in Anhänger des Dschihads verwandeln können, bleibt zwar rätselhaft, aber die Erzählungen des Vaters machen zumindest den familiären Schock konkret. Zwar will auch Beckmann mit Peter Scholl-Latour auf einen der alten Dauertalker nicht verzichten, aber seine Sendung zeigte noch am ehesten, was es bringen kann, wenn Interviewpartner, durch Fragen moderat angeleitet, ihre Geschichte erzählen dürfen.

Anne Will, Sandra Maischberger und Frank Plasberg taten sich dagegen schwer mit ihrer neuen Zweitrangigkeit. Anne Will hatte sich von ihrer Redaktion für das Opening die unglücklich geliftete und gespritzte Gräfin Brandstetter aufschwatzen lassen, so dass man ohne Ton gedacht hätte, bei der Sendung ginge es um die schrecklichen Folgen von Schönheitsoperationen. Die in Monaco residierende Gräfin ist leider schon in zahllosen RTL-Reportagen totgesendet worden. Zudem litt die Themensetzung „Euer Geld möchte ich haben!“ daran, dass Reiche im Fernsehen nicht so gerne über ihren Reichtum sprechen. Plasberg, der eigentlich „Politik auf Wirklichkeit“ treffen lassen will, verhandelte das Schicksal von Patchwork-Kindern, angeregt durch das Buch einer offenbar durch ihre familiären Verhältnisse schwer belasteten Journalistin der „FAZ“. Mit dabei: die Patchwork-Experten Dieter Thomas Heck, Dana Schweiger und Info Naujocks. Ansichten über die Entwicklung der bürgerlichen Familie sind Privatsache und daher öffentlich kaum sinnvoll zu diskutieren. Ebenso gut könnte man über die Vor- und Nachteile von Homosexualität talken. Sandra Maischberger, in ihrem früheren Leben wahrscheinlich die begabteste Interviewerin des deutschen Fernsehens (bei „Spiegel-TV“), lässt über die Euro-Krise („Schrecken ohne Ende?“) reden, mit den Chefökonomen Peter Hinze, Klaus von Dohnany, Tissy Bruns und einem wirklichen Bankenverbandsvertreter. Zudem ist Anja Kohl dabei, die von Sandra Maischberger uncharmant als „das ARD-Börsengesicht“ eingeführt wird. In der Woche davor äußerte sich bei Maischberger zur neuen Sex & Pornowelle die Talkfrau Bettina Böttinger. Offenbar gibt es in der Redaktion von „Menschen bei Maischberger“ einen starken Hang zur Kollegenorientierung.

Über Handwerkliche, die Moderationsleistung und die Gästeauswahl solcher Talkshows lässt sich immer streiten. Nicht das Genre an sich ist das Problem. Eine spannende und launige Talksendung ist allemal wertvoller als viele übertextete 45-minütigen Fernsehfeatures bei ARD und ZDF, die weder ihren Bildern noch ihren Geschichten trauen und von den ängstlichen Formatüberwachern in den Redaktionen kontrolliert werden. Der Fehler liegt in der besinnungslosen Multiplizierung der Talks im Ersten. Diese tangiert wiederum das Image der ARD als auch der Programgattung; über Fernsehtalk wird heute fast nur noch im satirischen Tonfall geschrieben - über die Dauercamper und TV-Zombies in den Studios wie Klaus Kocks oder Hans-Olaf Henkel, alarmistische Sendungstitel oder konfuses Abfragen erwartbarer Statements. Kein Artikel über Talkshows ohne die Beiworte „Schwemme“, „Inflation“ oder „Tsunami“, die Talkshowkritik nutzt sich mit ihrem Gegenstand ab. Und die ARD kann über ihr Image als „Talkshow-Sender“ nicht glücklich sein, zumal keine ihrer Sendungen die Qualität des BBC-„Hardtalks“ erreicht.

Kein ARD-Verantwortlicher wird einem ernstzunehmenden Gesprächspartner weis machen, fünf Talkshows im Ersten dienten in irgendeiner Form der Aufklärung der Gesellschaft oder einem rationalen Erkenntnisgewinn in unterhaltsamer Form. Es geht um Flurbegradigung, sicherheitsorientierte Gleichförmigkeit, „Stripping“ der Programmlinien. Und natürlich darum, bekannte Namen der Konkurrenz wegzukaufen, um so lange wie möglich in der Illusion des Massenmediums zu leben. Abgesehen von den Honoraren für die Moderatoren und ihre Produktionsfirmen, sind Talkshows Billigfernsehen, strukturell vergleichbar mit den Gerichts- oder Containershows, die gerade an ihr Ende kommen. Die Sicherheit der Talkmeister ist für die technokratische Programmplanung angenehmer als sich mit irgendwelchen einzelnen Reportern und Dokumentarfilmern herumplagen zu müssen. Allerdings hat die ARD ein Problem, weil sie dokumentarische grand formats in der sommerlichen Talkpause ballen muss und ansonsten dafür keine Sendeplätze mehr hat.

Eine fundamentalistische Talkshow-Kritik ist genauso hilflos, wie es die allgemeine Kulturkritik an populärer Öffentlichkeit und „Massenmedien“ schon immer war – von Heideggers „man“ und „Gerede“ bis zu Botho Strauß’ „telekratischem Terror“. Genauso gut kann man in der Uckermark die Bäume anbrüllen, weil der Mensch ein Mängelwesen ist und wir das Ziel der Evolution nicht kennen. Ich war schon immer ein Anhänger der „Sonthofen“-Strategie von Franz-Josef Strauß, wonach die Verhältnisse sich erst verschlimmern müssen, bevor sinnvoll interveniert werden kann. Ein internes Papier der ARD-Medienforschung über weitere Möglichkeiten der „strukturellen Homogenisierung“ des Programms gibt zu der Hoffnung Anlass, dass demnächst auch freitags und samstags getalkt wird. Zum Beispiel könnte der beim Volk beliebte Weißbiertrinker Waldemar Hartmann als „Waldemar Hartmann“ samstags in gemütlicher Runde über Sport und Politik debattieren. Oder man kauft Maybrit Illner vom ZDF ab und lässt sie als „Maybrit Illner“ einfach bei der ARD weiter machen. Eine weitere Möglichkeit wäre, alle fünf Talker des Ersten an einem bestimmten Tag der Woche über die kommenden Talks fachsimpeln zu lassen.

Was der Talk mit der ARD macht, ist vielleicht gar nicht so wichtig, aber wenden wir uns doch der Abschlussfrage zu, was der Talk mit der Gesellschaft macht. Ich sehe die Folgen positiv. Die Ausweitung der Talkzone im deutschen Fernsehen ist eine Form bürgerlicher Beruhigung, eine mediale Spielart der Establishment-Reproduktion. Solange über die Welt mit all ihren Krisen und Verunsicherungen noch rituell geredet werden kann, ist sie noch nicht untergegangen. Auf der anderen Seite klinken sich jüngere Leute aus diesem Modell der sedativen Suada aus, wie die Umfrageergebnisse für die Piratenpartei in Berlin gerade zeigen. Auf der Höhe seines Erfolgs steht der deutsche Fernsehtalk damit für eine politisch-mediale Konfiguration, die selbst bedroht ist.